Text vom 16.11.2014  http://www.kult-tour-bs.de/
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Verblasste und wiederbelebte Erinnerungen - Beobachtungen zu Christin von Behrbalks Zeichnungen

Eine Staubschicht hat sich auf die Oberfläche des Kartons abgesetzt. Grau bis weiß schimmernd. Die Zeit ist in der Lage sich so Aufmerksamkeit zu verschaffen. Still und ruhig liegt diese danieder. Ein plötzlicher Windstoß trägt alle Partikel hinfort. Hände öffnen diesen Karton und fassen behutsam in ihn hinein. Sie greifen Fotografien aus älteren Tagen; verblasste Erinnerungen. Fragen werden aufgewirbelt. Menschen, die wir nicht kennen, ziehen uns in eine andere Welt hinein. In eine längst vergangene Zeit. Motive tauchen auf, die man aus dem eigenen Familienalbum kennt. Hochzeiten, Taufen, Konfirmationen, Geburtstage, Urlaube, Ausflüge, Weihnachten und Beerdigungen sind kleine und große Ereignisse, die es festzuhalten gilt. Momente des Lebens wurden auf das Fotomaterial gebannt und nach der Entwicklung liebevoll in Alben eingeklebt.

 

Die Zeit kann jedoch auch der unliebsame Feind sein und bringt oft Unordnung mit sich. Durch die Entsorgung unbrauchbarer Gegenstände, einen Umzug oder gar ein Todesfall verlassen die Fotografien meist ihre Aufbewahrungsorte, um sich zu anderen, gar fremden Fotografien zu gesellen. Vielleicht in jenen Karton?

 

Zu den unbekannten Menschen auf den Bildern entsteht eine Beziehung. Sind diese doch in ihrer Handlungs- und Präsentationsweise uns ähnlich. Die Haltung, der Gestus, die getragene Mode sowie die Umgebung beherbergen gesellschaftliche, traditionelle und familiäre Codierungen, die sich über die Jahre hinweg erhalten haben und wir zu verstehen wissen. Parallelen, die wir zu unserem eigenen Leben ziehen können.

 

Christin von Behrbalk setzt sich mit eben diesem Phänomen der gesellschaftlichen Codierungen innerhalb der Amateurfotografie auseinander. Meist gesichtslos sind die fragilen Zeichnungen der Künstlerin. Sie gibt dem Betrachter die Möglichkeit die Leere als eine Art Platzhalter zu verstehen. Je länger dieser die bezeichnete Oberfläche betrachtet, fügt sich Schicht für Schicht sein eigenes Abbild in diese hinein. Das Trägermaterial der Zeichnungen ist natürlich gealtert, wie auch bei den gefundenen Fotografien. Leichte Farb- und Wasserflecken brechen die Neutralität des Papiers auf. Dabei werden die einzelnen Motive von zarten Aquarellfarben unterstrichen. Die einzelnen Farbaufträge wirken durch ihre Zartheit durchscheinbar, gar verblasst. Sie sind eine Erinnerung an das einstige Reale.